Der Preis des Friedens: Das beispiellose Ausmaß der Verfolgung von Kriegsgegnern in Russland

Seit Februar 2022 erlebt Russland die umfassendste und systematischste Welle staatlicher Repression gegen Andersdenkende in der modernen Geschichte des Landes. Jede kritische Äußerung zum militärischen Vorgehen, Rufe nach Frieden und selbst die bloße Verwendung des Wortes „Krieg“ anstelle der offiziell vorgeschriebenen Begriffe werden mit drastischen administrativen und strafrechtlichen Konsequenzen geahndet.

Russische Polizei nimmt am 24. Februar 2022 in St. Petersburg einen Demonstranten mit einem „Nein zum Krieg“-Schild fest.
Foto: Dmitri Lovetsky/AP/picture alliance

Bürgerinnen und Bürger sehen sich für jede Form des friedlichen Protests staatlicher Willkür ausgesetzt: von stillen Mahnwachen und Beiträgen in sozialen Netzwerken bis hin zum bloßen Niederlegen von Blumen oder dem Tragen von Kleidung in symbolischen Farben.

Die Polizei führt eine Frau ab, die als Überlebende der Leningrader Blockade gegen den Krieg protestiert.
Foto: David Frenkel

Repressionen in Zahlen: Chronik der Unterdrückung

Polizisten halten eine junge Frau fest, die eine Maske mit der Aufschrift „Nein zum Krieg“ trägt. Festnahme während einer Antikriegsaktion auf dem Puschkin-Platz in Moskau, 24. Februar 2022.
© Aleksandr Kazakov/Kommersant/Sipa USA (Sipa via AP Images)

Das Ausmaß des Drucks auf die Zivilgesellschaft lässt sich dank der kontinuierlichen Arbeit von Menschenrechtsorganisationen, die Fälle im ganzen Land dokumentieren, präzise erfassen. Nach Angaben des unabhängigen Menschenrechtsprojekts OVD-Info zeichnet sich folgendes Bild:

  • Strafverfahren: Es wurden bereits mehr als 1.380 Beschuldigte in strafrechtlichen „Anti-Kriegs-Verfahren“ registriert. Diese Zahl steigt kontinuierlich an.
  • Haftstrafen: Hunderte Menschen wurden bereits zu langjährigen Haftstrafen in Strafkolonien verurteilt. Die Strafen für friedliche Meinungsäußerungen übersteigen oft das Strafmaß für schwere Gewaltverbrechen und erreichen nicht selten 7 bis 9 Jahre Haft.
  • Administrativer Druck: Es wurden weit über 11.000 Verwaltungsverfahren wegen angeblicher „Diskreditierung“ der russischen Streitkräfte (Art. 20.3.3 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten) eingeleitet. Dieser Artikel bestraft de facto jeden öffentlichen Zweifel an den Handlungen der Staatsführung.

Die Instrumente der Justiz: Als Hauptwerkzeuge der Repression dienen die Artikel des Strafgesetzbuches über die „öffentliche Verbreitung bewusst falscher Informationen über den Einsatz der Streitkräfte der Russischen Föderation“ (Art. 207.3 StGB — sogenannte „Fake-News“) und über die „wiederholte Diskreditierung der Armee“ (Art. 280.3 StGB).

Wer wird verfolgt?

Die repressive Maschinerie trifft Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, Berufen und Altersgruppen. Unter den Angeklagten und Verurteilten befinden sich:

  1. Politiker und zivilgesellschaftliche Aktivisten: Multiplikatoren, die staatliche Entscheidungen offen kritisieren.
  2. Journalisten und Blogger: Medienschaffende, die versuchen, alternative Informationen über das Geschehen zu verbreiten.
  3. Lehrkräfte und Dozenten: Menschen, die nach Denunziationen durch Kollegen oder Schüler wegen privater Gespräche oder Diskussionen im Unterricht ihren Arbeitsplatz verloren haben und strafrechtlich verfolgt werden.
  4. Einfache Bürger: Menschen, die einen Kommentar im Internet hinterlassen, einen Friedensaufkleber angebracht oder mit einem leeren Blatt Papier auf der Straße demonstriert haben.

Wo man aktuelle Listen der Verfolgten findet

Das Informationsvakuum um politische Prozesse ist eine gezielte Methode der Ermittlungsbehörden, um Druck auf die Beschuldigten auszuüben. Menschenrechtsorganisationen führen offene Register, um die Namen der Verfolgten im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten. Vollständige Listen der Betroffenen von Straf- und Verwaltungsverfahren können auf folgenden Plattformen eingesehen werden:

  • Das Anti-Kriegs-Verfahren (OVD-Info) — Eine regelmäßig aktualisierte, interaktive Datenbank über alle Personen, gegen die wegen ihres Protests gegen den Krieg ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Die Website bietet Einblicke in die Einzelschicksale der Angeklagten und Statistiken nach Regionen.Zur Datenbank „Anti-Kriegs-Verfahren“
  • Unterstützung für politische Gefangene. Memorial — Ein renommiertes Menschenrechtsprojekt, das eine detaillierte Liste von Personen führt, die nach internationalen Standards als politische Gefangene anerkannt sind.Zu den Listen der politischen Gefangenen von „Memorial“

Warum die Dokumentation dieser Ereignisse wichtig ist

Die Erfassung von Repressionen ist mehr als reine Statistik. Für Menschen in Untersuchungshaft oder in den Straflagern steht die öffentliche Aufmerksamkeit in direktem Zusammenhang mit ihrer physischen Sicherheit. Öffentliche Resonanz schützt Gefangene häufig vor Misshandlungen durch die Gefängnisleitungen und hilft zudem, Spenden für unabhängige Anwälte zu sammeln, ohne die eine Verteidigung im aktuellen russischen Justizsystem unmöglich ist.